und warum sie trotzdem unsere Zuständigkeit bleiben
Von Ann-Kathrin Raile - Tierärztin und Hundetrainerin mit Spezialisierung auf Probleme beim Autofahren
Wenn Hunde starke Probleme beim Autofahren zeigen, geraten viele Menschen in einen mehfachen Druck.
Auf der einen Seite gibt es das Umfeld, das das Problem kleinredet:
„Der stellt sich an.“
„Das ist doch nicht so schlimm.“
„Das wird schon.“
Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die Schuld zuschreiben:
„Du bist zu nervös.“
„Der Hund übernimmt deine Unsicherheit.“
„Wenn du ruhiger wärst, wäre er auch ruhiger.“
Und dann ist da noch der Hund - man spürt dass er überfordert ist und weiß sich nicht zu helfen, weil schon so viele Versuche gescheitert sind. Entweder man fährt dann nicht mehr mit ihm Auto und verzichtet selbst auf einen teil der eigenen Interessen. Oder man fährt und erlebt immer wieder seine Überforderung, Fahrt für Fahrt.
Für die Menschen, die mitten in dieser Situation stehen, ist das extrem belastend.
Denn sie sehen ihren Hund leiden – und bekommen gleichzeitig vermittelt, dass sie entweder übertreiben oder selbst das Problem sind.
Nicht alles liegt in der Hand des Menschen
Ja, Hunde leben eng mit uns zusammen.
Ja, Hund sind sensibel und reagieren auch auf Stimmungen.
Und ja, wie ein Mensch sich im Auto verhält, kann einen Einfluss haben.
Aber:
Wenn ein Hund bereits in einem hochgradigen Stress- oder Angstzustand ist, dann ist der Einfluss des Menschen oft nicht mehr der entscheidende Faktor.
Ein Hund, der wie "im Tunnel" ist, der panisch reagiert, der unter massiver Angst steht, kann nicht mal einfach eben so dadurch „herunterreguliert“ werden, dass der Mensch tief durchatmet.
Man kann das vergleichen mit einer Achterbahn:
Wenn jemand gerne fährt, Spaß hat und "entspannt" ist – und die Person neben ihm hat panische Angst, dann hilft es dieser Person nicht, dass der andere ruhig bleibt.
Die Angst bleibt trotzdem real.
Genauso ist es beim Hund im Auto.
Wenn der Hund in Panik ist, bleibt er in Panik – unabhängig davon, wie ruhig der Mensch versucht zu sein.
Warum viele Probleme entstehen, ohne dass jemand „etwas falsch gemacht hat“
Autofahrprobleme haben selten nur einen Grund. Und selbst wenn sie mit nur einem Thema angefangen haben, kommen sehr schnell weitere Themen dazu. Denn jede einzelne Fahrt ermöglicht eine Vielzahl an Lernerfahungen. Zu Beginn stehen oft Erlebnisse wie:
- Reiseübelkeit im Welpenalter
- unvorbereitete erste Fahrten
- Überforderung in der Pubertät
- ein einzelnes Erlebnis, das für den Hund einschneidend war (auch wenn es für Menschen harmlos wirkte)
- körperliche Faktoren wie Schmerzen oder versteckte Beschwerden
Hinzu kommt etwas Entscheidendes:
Viele Menschen hatten gar keine echte Chance, den Prozess von Anfang an gut zu gestalten.
Der Hund ist oft schon Auto gefahren:
- beim Transport aus dem Tierheim
- beim Vorbesitzer
- auf dem Weg ins neue Zuhause
- auf notwendigen Fahrten, bevor überhaupt Training möglich war - Beispielsweise als Welpe zum Tierarzt
Autotraining braucht Zeit.
Vertrauen entsteht langsam.
Der Alltag wartet aber nicht.
Oft muss der Hund wieder fahren - und zwar lange bevor er sich sicher fühlt.
Das sind Risikobereiche, in denen Probleme entstehen oder sich festigen – und sie liegen häufig außerhalb dessen, was ein Mensch vollständig kontrollieren kann oder im Vorfeld als relevante Faktoren abschätzt.
Schuldzuweisung hilft niemandem - auch nicht dem Hund
Deshalb ist uns eines ganz wichtig:
Es geht hier nicht um Schuld.
Die meisten Menschen wollen ihrem Hund nicht schaden.
Sie handeln aus Unwissen, aus Not, aus Zeitdruck, aus dem Versuch heraus, den Alltag irgendwie zu bewältigen.
Und trotzdem fühlen sie sich schuldig.
Diese Schuld ist aus unserer Sicht fehl am Platz.
Sie blockiert, sie macht handlungsunfähig und sie nährt das Gefühl, zu versagen.
Das Entscheidende ist: Verantwortung ist etwas anderes als Schuld
Dieser Gedanke ist wichtig: Auch wenn man nicht schuld ist, kann man trotzdem verantwortlich sein.
Verantwortlich heißt nicht:
„Ich habe alles falsch gemacht.“
Verantwortlich heißt:
„Dieser Hund gehört zu mir – und ich bin zuständig dafür, dass sich etwas verändert.“
Man ist für das Problem zuständig,
auch wenn man es nicht verursacht hat.
Und hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied:
Man kann nicht immer alles perfekt machen.
Man hat nicht immer alle Rahmenbedingungen in der Hand.
Aber: ob man hinschaut – oder oder ob man wegschaut –, das ist eine Entscheidung die man selbst trifft.
Die Frage ist nicht:
„Bin ich schuld?“
Sondern:
„Ist es fair, nichts zu verändern, obwohl mein Hund leidet?“
Wo Verantwortung beginnt
Verantwortung bedeutet nicht, alles allein lösen zu müssen.
Sie bedeutet auch nicht, sofort perfekte Lösungen parat zu haben.
Verantwortung bedeutet sich auf den Weg zu machen und nach der Lösung zu suchen.
Verantwortung beginnt bereits im kleinen:
- sich zu informieren
- Zusammenhänge zu verstehen
- das Problem ernst zu nehmen
- sich Hilfe zu holen, wenn man selbst nicht weiterkommt
Ein erster Schritt kann sein, Wissen aufzubauen:
zum Beispiel über fachliche Inhalte, Einordnung und neue Perspektiven.
Genau dafür gibt es diesen Blog.
Genau dafür gibt es unseren Podcast „Autofahren mit Hund“. Beide geben Einordnung und eine neue Üerspektive auf das Problem.
Und manchmal kommt dann der Punkt, an dem klar wird:
Allein reicht es nicht, was man versucht fürht nicht zum Ziel.
Dann ist es Verantwortung, sich Unterstützung zu suchen –
bei Menschen, die sich mit diesem Thema wirklich auskennen,
die fair, bedürfnisorientiert und ohne Druck arbeiten.
Wir haben Teams im Training die lange selbst versucht haben, die mehrere Hundetrainer zur unterstützung aufgesucht haben. Und die dann zu uns gekommen sind. Obwohl sie vorher bereits jahrelang gescheitert sind, haben sie sich zuständog gefühlt das Problem zu lösen. Also so lange gesucht, bis sie ihrem Hund tatsächlich helfen konnten. Das ist Verantwortung. Manchmal kommen Teams auch sehr früh zu uns. ganz am Anfang, wenn das Prplem gerade begonnen hat. Dann geht es schneller bis die ihrem Hund tatsächlich helfen. Aber darum geht es nicht - der Kern ist nämlich, dass Verantwortung nicht weniger wird, nur weil es schwer ist oder lange dauert, bis man zur Lösung findet. Bei so komplexen und gleichzeitig unterschätzten Themen wie dem Autofahren kann es manchmal leider etwas dauern, bis man zu einer Stelle findet, die einem auch tatsächlich helfen kann.
Verantwortung heißt in dem Fall auch: dran zu bleiben.
Autofahren ist kein leichtes Trainingsthema.
Es ist komplex, vielschichtig und emotional belastend – für Hund und Mensch.
Deshalb ist es aus unserer Sicht so wichtig, dass dieses Thema:
- fachlich korrekt
- medizinisch mitgedacht
- lerntheoretisch sauber
- und vor allem fair für den Hund begleitet wird
Alles andere führt oft dazu, dass sich Probleme verschieben, vergrößern oder neue hinzukommen.
Es ist keine Frage der Schuld. Es ist eine Frage der Verantwortlichkeit.
Du hast es vielleicht nicht verursacht, du kannst die Rahmenbedingungen nicht perfekt machen. Und Das ist ein Stück der Realität in der wir leben. Und zwar gesamtgesellschaftlich, denn so geht es vielen Hundebesitzer:innen. Hör am Besten auf dir die Schuld zu geben, denn sie nimmt dir Kraft etwas zu verändern und deinem Hund hilft es nicht, wenn du dich schlecht fühlst.
Trotzdem gilt: wenn dein Hund leidet, dann bist du zuständig.
Und zwar nicht aus Schuld – sondern aus Verantwortung.
Und Verantwortung heißt:
hinsehen, verstehen, handeln.
Manchmal ist es ein großer Schritt, Verantwortung zu übernehmen – und ein ebenso großer, sich dabei nicht selbst Vorwürfe zu machen. Verantwortung bedeutet, den Weg zu gestalten – ohne in der Vergangenheit zu verharren.
Wenn du dich hier wiederfinden konntest, dann nutze gerne unseren Blog und Podcast, um dich weiter über das Thema Auotfahrprobleme zu infomieren. Und wenn du dir Unterstützung für dein Training wünscht, darfst du dich gerne bei uns melden.






