und warum „einfach fahren“ oft mehr schadet als hilft
Von Ann-Kathrin Raile - Tierärztin und Hundetrainerin mit Spezialisierung auf Probleme beim Autofahren
Reiseübelkeit: Ein Begriff, viele Missverständnisse
Wenn Hunde im Auto erbrechen oder Anzeichen von Übelkeit zeigen, wird sehr schnell von Reiseübelkeit gesprochen. Dabei wird häufig übersehen, dass Reiseübelkeit nur eine mögliche Ursache von Übelkeit ist – nicht jede Übelkeit im Auto ist automatisch eine Reiseübelkeit. Auch Stress, Überforderung oder starke emotionale Belastung können beim Hund Übelkeit auslösen.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der oft vermischt wird: Übelkeit und Erbrechen sind zwei unterschiedliche Vorgänge. Ein Hund muss nicht zwingend auch erbrechen, wenn ihm übel ist – und nicht jedes Erbrechen geht mit einer fest definierten Länge von Übelkeit einher. Einigen Hunden ist erst kurz vor dem Erbrechen schlecht, anderen schon lange Zeit vorher. Und: auch die Intensität der Übelkeit lässt sich nuoncieren - von leicher bis starker Übelekeit.
In unserer Arbeit mit über 1000 Hund-Mensch-Teams die wir in der Verhaltenstherapie - bei Problemen mit dem Autofahren beraten, angeleitet und begleitet haben - sehen wir immer wieder, wie schnell Symptome gleichgesetzt und verschiedene Ebenen nicht sauber getrennt werden. Genau hier beginnt das Problem.
Reiseübelkeit zeigt sich nicht immer offensichtlich
Viele Hunde mit Reiseübelkeit zeigen:
- starken Speichelfluss
- Erbrechen
- motorische Unruhe
Andere hingegen:
- werden sehr ruhig
- ziehen sich zurück
- wirken „anders“, ohne nach außen stark aufgeregt zu wirken
Reiseübelkeit ist kein einheitliches Verhalten, sondern eine körperliche Empfindung, die sich sehr unterschiedlich äußern kann.
Ein hilfreicher Gedanke:
Wenn deinem Hund im Wohnzimmer übel wäre – woran würdest du es merken?
Auch dort ist Übelkeit nicht immer offensichtlich sichtbar. Im Auto kommen zusätzlich viele potenziell belastende Aspekte dazu.
Reiseübelkeit ist nicht gleich Stress – aber oft eng damit verbunden
Ein zentraler Punkt, der in der Praxis häufig untergeht:
Nicht jedes Erbrechen im Auto ist Reiseübelkeit.
Wir sehen bei unerer Arbeite immer wieder Hunde, die:
- stressbedingt erbrechen, ohne dass eine klassische Reiseübelkeit vorliegt
- oder Reiseübelkeit haben, aber ohne zu erbrechen
Hinzu kommt eine wichtige Wechselwirkung:
- Reiseübelkeit kann Stress, Angst oder Panik auslösen
- Stress und Angst können Übelkeit verursachen, aber nicht zwingend Reiseübelkeit
Forschung und klinische Beobachtungen weisen darauf hin, dass Stressbelastung einen eigenständigen Einfluss auf Reiseübelkeit haben kann, unabhängig von anderen bekannten Faktoren. Diese Wechselwirkungen erleben wir in der Praxis regelmäßig.
Reiseübelkeit ist damit weder ein rein körperliches noch
ein rein emotionales Thema – sondern oft beides zugleich.
Warum Medikamente allein das Problem häufig nicht lösen
Der klassische Weg sieht oft so aus:
Hund zeigt Symptome → Tierarzt → Medikament gegen Übelkeit.
Dabei gibt es mehrere Stolpersteine.
Nicht jedes Medikament ist für Reiseübelkeit geeignet
Nicht jedes Antiemetikum, das gegen allgemeine Übelkeit oder Erbrechen hilft, ist auch für Reiseübelkeit zugelassen oder sinnvoll. Die pharmakologischen Wirkprinzipien unterscheiden sich.
Reiseübelkeit erfordert teils andere Dosierungen
Ein bekanntes Beispiel ist ein Medikament mit dem Wirkstoff Maropitant.
Der Wirkstoff gehört in vielen Tierarztpraxen zu den Standardmedikamenten bei einer Übelkleit. Bei Reiseübelkeit ist jedoch eine höhere Dosierung zugelassen als bei anderer Übelkeit. Diese Unterscheidung wird in der Praxis nicht immer sauber berücksichtigt. Wir sehen häufig Hunde, die im Vorfeld deutlich niedrigere Dosierungen bekommen haben.
Zudem darf Maropitant – insbesondere in den für Reiseübelkeit notwendigen Dosierungen – nicht beliebig häufig hintereinander eingesetzt werden.
Medikamente nehmen nicht automatisch Angst - ein Aspekt der regelmäßig vergessen wird
Selbst wenn:
- die Übelkeit reduziert wird
- und das Erbrechen ausbleibt
kann der Hund weiterhin:
- Stress empfinden
- Angst oder Panik im Auto haben
Gerade Hunde, die wiederholt Übelkeit im Auto erlebt haben, verknüpfen diese Erfahrung häufig mit dem Autofahren. Diese Lernprozesse bleiben bestehen – auch dann, wenn die ursprüngliche Übelkeit später nicht mehr vorhanden ist.
Ein bekanntes Beispiel sind Hunde, die als Welpen reisekrank waren, im Erwachsenenalter jedoch weiterhin massive Autofahrprobleme zeigen, selbst wenn sie keine Reiseübelkeit mehr haben.
„Einfach öfter fahren“ – warum wir das kritisch sehen
Ein häufig gehörter Rat lautet:
„Der Hund muss sich daran gewöhnen, also möglichst viel fahren.“
Aus unserer Sicht ist das problematisch.
Übelkeit bedeutet hohen Leidensdruck.
Wiederholtes Erleben führt wiederholt zu negativen Lernerfahrungen
Selbst wenn die Übelkeit abnimmt, kann der Hund im Ergebnis Angst haben
Damit wird ein Problem gegen ein anderes eingetauscht.
Auch aus ethischer Sicht stellt sich hier eine wichtige Frage:
Inwieweit ist es vertretbar, ein Tier bewusst und wiederholt einer Situation auszusetzen, der es aktuell nicht gewachsen ist?
Diese Aspekte sollten bei Empfehlungen rund um Reiseübelkeit zumindest mitgedacht werden.
Tierschutzrechtliche Einordnung – warum „einfach fahren“ als Trainingsansatz kritisch ist
Im Zusammenhang mit Autofahrproblemen taucht häufig die Empfehlung auf, Hunde trotz Übelkeit oder starkem Stress „einfach weiter fahren zu lassen“, um eine Gewöhnung zu erreichen. Dieser Ansatz ist weit verbreitet – wird aus tierschutzrechtlicher Perspektive jedoch zunehmend kritisch gesehen.
Das deutsche Tierschutzgesetz gibt hier einen wichtigen Rahmen vor:
- § 1 TierSchG formuliert den grundlegenden Leitgedanken des Tierschutzes: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Dieser Paragraph beschreibt den ethischen Maßstab, an dem der Umgang mit Tieren insgesamt gemessen wird.
- § 2 TierSchG konkretisiert die Verantwortung von Halter:innen. Er verpflichtet dazu, Tiere ihren Bedürfnissen entsprechend angemessen zu betreuen und Belastungen so zu gestalten, dass vermeidbare Leiden vermieden werden. Gleichzeitig verlangt er, dass die Betreuung auf ausreichenden Kenntnissen und Fähigkeiten beruht.
- § 3 TierSchG benennt darüber hinaus konkrete Grenzen. Besonders relevant ist hier das Verbot, einem Tier Leistungen abzuverlangen, denen es aufgrund seines aktuellen Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist – außer in begründeten Ausnahmefällen.
Übertragen auf das Autofahren bedeutet das:
Wenn ein Hund im Auto wiederholt unter Übelkeit, Erbrechen oder starkem Stress leidet, kann ein Trainingsansatz, der bewusst zusätzliche Fahrten vorsieht und diese Belastung als „notwendigen Teil der Gewöhnung“ einplant, in einen rechtlich und ethisch schwierigen Bereich geraten. Nicht, weil Autofahren grundsätzlich verboten wäre – sondern weil vermeidbares Leiden nicht in Kauf genommen werden sollte.
Dabei ist wichtig zu unterscheiden:
Unvermeidbare Pflichtfahrten (z. B. zum Tierarzt) sind etwas ganz anderes als ein Training, das zusätzliche Belastungen erzeugt. Fakt ist, dass sich Autofahrten für viele Hunde nicht vermeiden lassen. Man muss zum Tierazt kommen, zur Physiotherapie oder zur Hundebtreuung. Die Notwendigkeit einer Alltagsfahrt hat jedoch nichts mit der systematischen Empfehlung für "Einfach-fahren-Trainingsansätze" zu tun. Nur weil das Fahren selbst nicht vollständig vermieden werden kann, sollte keinesfalls ein Trainingsansatz so aussehen, dass der Hund "durch seinen Leidensdruck" durch muss.
Darüber hinaus führ eine "Einfach-Fahren-Methode" sich nicht nur auf den Hund aus. Auch Besitzer leiden stark mit. Für viele Besitzer sind bereits die "nicht vermeidbaren Fahrten" im Alltag ein großes emotionales Problem, da sie mit ihren Hunden mitleiden.
Dass viele Menschen diesem Ansatz folgen, ist gut nachvollziehbar – denn die Zerzweiflung dem eigenen Hund helfen zu wollen ist oft groß und solche und ähnliche Ratschlage sind hierbei weit verbreitet. Umso wichtiger ist es, hier genauer hinzuschauen und Belastungen nicht allein unter dem Ziel „Gewöhnung“ zu betrachten und über das Thema aufzuklären.
Warum wir Hunde auch nicht „zur Diagnose“ ins Auto setzen
In unserer Arbeit bedeutet „anschauen“ nicht, den Hund erneut in die belastende Situation zu bringen.
Wir setzen Hunde nicht ins Auto, um Symptome zu provozieren oder zu dokumentieren. Das ist für die weitere Arbeit nicht notwendig – und aus unserer Sicht nicht vertretbar. Videomaterialien der Problemsituation bekommen wir nur dann, wenn unvermeidliche Pflichtfahrten anstehen oder frührere Fahrten bereist aufgezeichnet wurden.
Zudem gilt:
Rein optisch lassen sich Reiseübelkeit, stressbedingte Übelkeit und sonstige oft nicht eindeutig voneinander unterscheiden. Viele sichtbare Anzeichen bleiben Indizien und erfordern Interpretation.
Unsere Arbeit orientiert sich daher nicht primär an der Vergangenheit, sondern an der Frage:
Was braucht dieser Hund, damit Autofahren künftig möglichst belastungsarm möglich wird?
Ganzheitlich statt symptomorientiert denken
Reiseübelkeit beim Hund ist kein Thema für schnelle Tipps wie:
- „vorher nichts füttern“
- „Box abdecken“
- „einfach eine Tablette geben“
Nicht fressen schützt nicht zuverlässig vor Erbrechen – manche Hunde erbrechen dann schlicht Galle.
Vor allem aber geht es nicht nur um Erbrechen, sondern um die Übelkeit und die gesamte Erlebniswelt des Hundes.
Reiseübelkeit betrifft:
- körperliche Wahrnehmung
- Stressverarbeitung
- emotionale Lernprozesse
- individuelle Belastungsgrenzen
Die wissenschaftliche Diskussion ist hier noch nicht abgeschlossen. Diskutiert wird unter anderem, zu welchen individuellen Anteilen:
- das Vestibularorgan (Gleichgewichtsorgan im Ohr)
- die zentrale Reizverarbeitung im Gehirn
- und die Überforderung durch widersprüchliche Sinneseindrücke
an der Entstehung von Reiseübelkeit beteiligt sind bzw. wie die genauen Prozesse im Detail ablaufen.
Unabhängig davon zeigt die Praxis klar:
Eine rein symptomatische Herangehensweise greift zu kurz.
Was aus unserer Sicht entscheidend ist
Hunde mit Reiseübelkeit brauchen:
- eine medizinische Einordnung
- eine verhaltenstherapeutische Betrachtung
- und eine enge Verzahnung beider Ebenen
Medikamente können eine sinnvolle Ergänzung sein, aber nicht jede Reiseübelkeit erfordert Medikamente.
Und: Medikamente allein lösen selten das gesamte Problem.
Dass Veränderung möglich ist, sehen wir regelmäßig – auch im eigenen Alltag.
Unser eigener Hund kam mit ausgeprägter Reiseübelkeit und starker Angst zu uns. Heute kann sie mehrere Stunden Auto fahren – ohne Medikamente. Nicht, weil Symptome ignoriert wurden, sondern weil alle relevanten Faktoren berücksichtigt wurden.
Fazit
Reiseübelkeit beim Hund ist komplex.
Sie lässt sich nicht auf Erbrechen reduzieren und nicht mit einfachen Ratschlägen lösen.
Wer wirklich helfen will, muss:
- differenzieren
- Zusammenhänge verstehen
- körperliche und emotionale Prozesse gemeinsam betrachten
Alles andere greift zu kurz – und wird dem Hund nicht gerecht.
Einordnung statt schneller Lösungen
Autofahrprobleme lassen sich selten über einen einzelnen Aspekt erklären.
Wenn Übelkeit, Stress, Emotionen und Lernprozesse ineinandergreifen, braucht es mehr als allgemeine Empfehlungen oder Einzelmeinungen.
Genau mit solchen Fragestellungen beschäftigen wir uns in unserer Arbeit.
Hier findest du weitere Inhalte, die Zusammenhänge einordnen und Perspektiven eröffnen – im "Autofahren mit Hund " Blog ebenso wie in unserem "Autofahren mit Hund" Podcast.
Wenn du Unterstützung für dein Training benötigst, darfst du dich jederzeit an uns wenden. In einem Kostenfreien Kennelerngespräch infomieren wir über Ablauf, Kosten und Vorraussetzungen einer Verhaltehstherapie bei uns. Vorher empfehlen wir dir jedoch noch einige Blogbeiträge zu lesen oder unseren Podcast zu hören, damit du uns kennenlernen kannst und eine erste inhaltliche EInordnung bekommst. Gerne kannst du uns auch bei Instagram folgen.
Veränderung beginnt nicht mit Abwarten, sondern mit dem Mut, eine Entscheidung zu treffen.






